Liebe Eltern,
Eine elektive Behandlung von Kindern mit chronischen Bauchschmerzen ist im Kindernotfallzentrum leider NICHT möglich.
Hier möchten wir Sie herzlich bitten, einen AMBULANTEN TERMIN über die jeweiligen Spezialambulanzen zu vereinbaren.
Ambulanzen
+(49) 228 28738888
Ambulanzen der Kinder- und Jugendmedizin
Chronische Bauchschmerzen bei Kindern
Strukturierte Übersichtsseite zur differenzierten Abklärung chronischer und rezidivierender Bauchschmerzen im Kindes- und Jugendalter – mit Red Flags, Rome-Kriterien, fokussierter Basisdiagnostik, somatischen Differenzialdiagnosen und funktionellen Beschwerdebildern.
Kurzüberblick
- Die meisten Fälle sind funktionell.
- Red Flags müssen früh geprüft werden.
- Basisdiagnostik soll schlank, aber vollständig sein.
- Bei unauffälligem Befund ohne Warnzeichen: Diagnostik aktiv beenden.
Red Flags / Alarmsymptome
Warnzeichen für eine organische Genese chronischer Bauchschmerzen sollten bereits zu Beginn systematisch erfasst werden.
Familienanamnese und anamnestische Kernfragen
Gezielt erfragen
- Gastroösophagealer Reflux
- Nahrungsmittelunverträglichkeiten / Allergien
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankung
- Infektiöse Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts
- Andere relevante Erkrankungen, z. B. Tuberkulose
- Funktionelle Störungen
- Psychiatrische Erkrankungen
Kernfragen
- Beginn und Häufigkeit der Beschwerden
- Dauer, Intensität und Charakter
- Lokalisation: periumbilikal, epigastrisch, Ober-/Unterbauch, Quadrant
- Bezug zu Mahlzeiten, Tageszeit oder Defäkation
- Veränderung an Wochenenden / Feiertagen
- Ernährungsgewohnheiten
- Stuhlgewohnheiten: Frequenz, Konsistenz, Blut, Schleim
- Begleitsymptome: Erbrechen, Sodbrennen, Flatulenz, Fieber, Kopfschmerz, Gelenkschmerz
- Psychosoziale Stressfaktoren, Schule, Freizeit, Familie
Mit Bauchschmerzen assoziierte funktionelle gastrointestinale Störungen bei Kindern (> 4 Jahre) und Jugendlichen
Die folgende Webdarstellung orientiert sich an Rome IV-Kriterien.
- Persistierender oder wiederkehrender Schmerz bzw. Unwohlsein mit Schwerpunkt im oberen Abdomen / oberhalb des Nabels
- Keine Erleichterung durch Defäkation
- Nicht mit Änderung der Stuhlfrequenz oder Stuhlkonsistenz assoziiert
- Kein ausreichender Hinweis auf entzündliche, anatomische, metabolische oder neoplastische Prozesse
- Intermittierender oder kontinuierlicher Bauchschmerz
- Der Schmerz tritt nicht nur bei physiologischen Vorgängen auf
- Unzureichende Kriterien für Reizdarmsyndrom, funktionelle Dyspepsie oder abdominelle Migräne
- Keine vollständige Erklärung durch eine andere medizinische Erkrankung nach sachgemäßer Diagnostik
- Die Kriterien bestehen seit mindestens 2 Monaten vor Diagnosestellung
- Abdominelle Schmerzen an mindestens 4 Tagen pro Monat
- Der Schmerz ist mit einem oder mehreren der folgenden Zeichen assoziiert:
- a) Bezug zur Defäkation
- b) Änderung der Stuhlfrequenz
- c) Änderung der Stuhlkonsistenz / -beschaffenheit
- Kinder mit Obstipation, bei denen der Schmerz mit Besserung der Obstipation nicht verschwindet, können unter diese Kategorie fallen
- Nach sachgemäßer Diagnostik keine vollständige Erklärung durch eine andere Erkrankung
- Kriterien seit mindestens 2 Monaten erfüllt
- Anfallsartige Episoden intensiver, akuter periumbilikaler, mittiger oder diffuser Bauchschmerzen
- Dauer der Episoden typischerweise mindestens 1 Stunde
- Zwischen den Episoden Phasen normaler Gesundheit über Wochen bis Monate
- Der Schmerz beeinträchtigt die normalen Alltagsaktivitäten deutlich
- Stereotype Schmerzcharakteristik und Symptomkonstellation
- Schmerz mit mindestens zwei der nebenstehenden Symptome assoziiert:
- a) Inappetenz
- b) Übelkeit
- c) Erbrechen
- d) Kopfschmerz
- e) Lichtscheu
- f) Blässe
- Ausschluss organischer Ursachen
Mindestens 2 der folgenden Kriterien müssen bei einem Kind mit > 4 Jahren nach Ausschluss eines Reizdarmsyndroms erfüllt sein:
- ≤ 2 Defäkationen pro Woche
- Mindestens 1 Episode von Inkontinenz pro Woche nach primärem Kontinenzerwerb
- Vorgeschichte mit exzessiver Stuhlretention
- Vorgeschichte mit schmerzhafter Stuhlentleerung
- Nachweis großer Stuhlmassen im Rektum
- Vorgeschichte von großkalibrigem Stuhlgang mit Toilettenobstruktion
- Diese Darstellung ist für die klinische Web-Nutzung strukturiert.
- Sie ersetzt keine vollständige Originalklassifikation.
- Die Kriterien sollen immer zusammen mit Anamnese, Untersuchung und Basisdiagnostik bewertet werden.
Klinische Untersuchung, Basisdiagnostik und erweiterte Diagnostik
Abdomen und Becken
- Resistenz
- Hepatomegalie / Splenomegalie
- Distension
- Charakter der Darmgeräusche
- Druckschmerz
- Inspektorische und palpatorische Beurteilung von Anus, Sphinkter ani und Rektum
Auffälligkeiten anderer Organsysteme
- Cor: Vitium cordis
- Pulmo: Asthma bronchiale, hyperreagibles Bronchialsystem
- Haut: Neurodermitis, Ekzeme, Blutungen
- Schilddrüse: Struma
- Skelett: rheumatologische Erkrankungen, Spina bifida occulta
- Neurologie: Hirntumor, neurologische Defizite
- Körpermaße: Körperlänge, Körpergewicht
Blut und Urin
- Blutbild / Differenzialblutbild
- CRP oder BSG
- GPT / ALAT
- γ-GT
- Lipase
- Kreatinin
- Elektrolyte
- Glukose / Blutzucker
- TSH, ggf. fT4
- IgA, ggf. IgE
- Transglutaminase-IgA
- Urinstatus / Urinstix
Stuhl, Sonographie, Atemtests
- Stuhl auf Parasiten: Giardia lamblia, Dientamoeba fragilis
- Stuhl auf Würmer
- Fäkale Inflammationsmarker, z. B. Calprotectin
- Abdomensonographie
- H2-Atemtest auf Fruktose
- H2-Atemtest auf Laktose
- Alternativ probatorischer Diätversuch
Klinisch-chemisch
- Bilirubin
- Eisen, Ferritin, CK
- ANA
- ANCA
- ASCA
- LKM
- SLA
- SMA
- LC-1-Antikörper
- RAST / spezifische IgE gegen Nahrungsmittel
- Serologien, z. B. Yersinien
Technisch / Stuhl / Urin
- 13C-Harnstoff-Atemtest
- Weitere Atemteste
- Urinkultur / Urinmikroskopie
- Stuhl-pH, Fett, Blut
- Pankreaselastase
- Laktoferrin
- Calprotectin
- Clostridientoxin
- Lamblienantigen
- Weitere infektiöse Agenzien
- Kein Screening auf Helicobacter pylori im Stuhl bei chronischen Bauchschmerzen
- Keine ungezielte MRT-/CT-Diagnostik
- Kein Kontrasteinlauf ohne klare Fragestellung
- Keine unnötige Endoskopie
- Keine Mikrobiomanalysen als Routinediagnostik
- Keine IgG4-Antikörper gegen Nahrungsmittelproteine
- Keine isolierte DAO-Aktivitätsbestimmung
Differenzialdiagnosen
Allgemeine Einordnung
- Oft anamnestisch nicht sicher zu erkennen
- Ein volles Rektum / fäkale Retention kann chronische Bauchschmerzen erklären
- Probatorische Macrogol-Therapie kann eine okkulte Obstipation demaskieren
- Auch bei obstipationsdominiertem RDS klinisch relevant
Organische Ursachen der Obstipation
- Anatomisch: Analstenose, anteriorer Anus, Tumormasse im Becken
- Muskulär/Bindegewebe: Gastrochisis, Prune-Belly-Syndrom, Ehlers-Danlos-Syndrom
- Metabolisch: Hypothyreose, Hyperkalzämie/Hypokaliämie, Zystische Fibrose, Diabetes mellitus, Zöliakie
- Neurologisch: Rückenmarkanomalien, neurologische Defizite
Symptomatik und Einordnung
- Überlappung mit RDS häufig
- Bauchschmerz, Meteorismus und Diarrhö sind unspezifisch
- H2-Atemteste haben eingeschränkte Aussagekraft
- Ein positiver Test beweist keine Kausalität
Diagnostisch
- Auslassversuch bzw. probatorische Diät
- Wasserstoffexhalationstest / H2-Atemtest
- Keine unkritische Diagnose einer Histaminintoleranz
- DAO-Aktivität allein nicht ausreichend
Zöliakie / CED
- Zöliakie: einmalige serologische Abklärung mit Gesamt-IgA und Transglutaminase-IgA
- CED auch ohne klassische Symptomtrias möglich
- Normale fäkale Inflammationsmarker sprechen deutlich gegen CED
Weitere DD
- Parasiten / Würmer
- Bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO)
- Postenteritisches Syndrom
- Rezidivierende Harnwegsinfektionen
- Peptische Magen- und Duodenalerkrankungen
Therapie
1. Diagnosegespräch und positive Benennung der funktionellen Störung
- Benigne Diagnose erklären
- Ängste vor schweren Erkrankungen reduzieren
- Darm-Hirn-Achse und Schmerzmechanismen erläutern
- Auch funktionelle Bauchschmerzen sind real
2. Verhaltens- und psychologische Interventionen
- Kognitiv-verhaltenstherapeutische Programme
- Hypnotherapie / Entspannungsverfahren
- Elternberatung: Ablenkung statt Verstärkung
- Bauchschmerzkalender, Sport und Aktivierung
3. Ernährung und Medikamente zurückhaltend einsetzen
- Keine pauschalen restriktiven Diäten
- Diät nur bei klar nachvollziehbarer Indikation
- Macrogol bei vermuteter oder übersehener Obstipation erwägen
- Für viele medikamentöse Therapien keine gute Evidenz
4. Therapieresistente Verläufe
- Überweisung in Spezialambulanz
- Ggf. stationäre Beobachtung
- Multimodale Schmerztherapie bei anhaltender starker Beeinträchtigung
Referenzen
Kullmer, U., & Gehring, S. (2012). Somatische Differenzialdiagnosen chronischer Bauchschmerzen. Monatsschrift Kinderheilkunde, 160(1), 32–39.
Claßen, M., Ortner, G. Chronische Bauchschmerzen in der Pädiatrie. Gastro-News 10, 47–52 (2023). https://doi.org/10.1007/s15036-023-3300-5
Ortner, G.R., Claßen, M. Chronische Bauchschmerzen bei Schulkindern. Monatsschr Kinderheilkd 170, 560–570 (2022). https://doi.org/10.1007/s00112-022-01485-w
