Ambulant erworbene Pneumonie (pCAP)
Akutmanagement im Kindernotfallzentrum – strukturierte Einschätzung, Schweregrad, Diagnostik, Therapie und Entlassung.
⚠️ Red Flags
- Hypoxämie / SpO₂ ≤ 92 %
- deutliche Tachypnoe oder Dyspnoe
- Einziehungen, Nasenflügeln, Stöhnen
- Vigilanzminderung
- Trinkverweigerung / Dehydratation
- septischer Eindruck
- Apnoe
- Alter < 6 Monate großzügig stationär prüfen
- Immundefekt
- kardiologische Grunderkrankung
- schwere neurologische Grunderkrankung
- klinischer Verdacht auf Pleuraerguss / Empyem
🩺 Klinische Diagnose
Die pCAP wird primär klinisch diagnostiziert. Fieber plus Tachypnoe ist besonders richtungsweisend. Ein unauffälliger Auskultationsbefund schließt eine Pneumonie nicht aus.
- Fieber oder Hypothermie
- Tachypnoe
- Dyspnoe
- Husten
- Nasenflügeln
- Blässe oder Zyanose
- ggf. Bauchschmerzen, Erbrechen, Trinkverweigerung
- feinblasige inspiratorische Rasselgeräusche
- abgeschwächtes Atemgeräusch
- gedämpfter Klopfschall
- Tachykardie
- Dehydratation
- bei Lobärpneumonie evtl. Bronchialatmen
| Alter | Tachypnoe-Grenze | Klinischer Hinweis |
|---|---|---|
| < 1 Jahr | > 50/min | AF > 70/min spricht zusätzlich für schwere respiratorische Belastung |
| 1–5 Jahre | > 40/min | Tachypnoe ist ein zentrales Pneumoniesymptom |
| > 5 Jahre | > 20/min | Thorakale Schmerzen und trockener Reizhusten können vorkommen |
🚦 Schweregradeinteilung
Einteilung in nicht schwere, schwere und sehr schwere Pneumonie mit entsprechender Zuordnung zu ambulanter, stationärer oder intensivmedizinischer Versorgung.
Nicht schwere Pneumonie
- SpO₂ > 90–92 % unter Raumluft
- ausreichende Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme
- orale Medikation möglich
- gesicherte medizinische Versorgung
- kompetente Betreuungspersonen
Schwere Pneumonie
- Hypoxämie mit O₂-Bedarf
- ausgeprägte Tachypnoe / Dyspnoe
- Nahrungsverweigerung oder Dehydratation
- i.v.-Therapie notwendig
- Bewusstseinsveränderung
Sehr schwere Pneumonie
- therapieresistente Hypoxämie
- High-flow / Atemhilfe / Beatmung notwendig
- respiratorische Globalinsuffizienz
- Hypotonie / vasoaktive Therapie
🔬 Diagnostik
- primär klinische Diagnostik
- Pulsoxymetrie
- Kontrolluntersuchung nach 24 Stunden sinnvoll
- keine routinemäßige Blutentnahme oder Bildgebung bei nicht schwerer pCAP
- BGA
- BB, CRP, Elektrolyte
- Blutkultur bei schwerer oder komplizierter pCAP
- gezielte Erregerdiagnostik nur bei Konsequenz für Therapie / Hygiene
Bildgebung
- Thoraxröntgen nur bei schwerer Erkrankung, fehlender Besserung nach 48–72 h oder Verdacht auf Atelektase, Abszess, Pleuraempyem oder Tuberkulose
- Thoraxsonographie besonders relevant bei Pleuraerguss / Pleuraempyem, zunehmend auch bei Infiltraten und Atelektasen
- Bei Verdacht auf nekrotisierende Pneumonie oder Lungenabszess kann eine kontrastmittelgestützte CT erforderlich sein
💊 Therapie
- Schonung / Bettruhe
- ausreichende Flüssigkeitszufuhr
- Antipyrese bei Bedarf
- bei Obstruktion ggf. Bronchodilatatoren, Inhalationstherapie und je nach lokalem Standard weitere symptomatische Maßnahmen
- SpO₂ ≤ 92 %: O₂-Gabe kann erwogen werden
- SpO₂ ≤ 90 %: O₂-Gabe ist indiziert
- bei schwerer Atemarbeit oder Erschöpfung ggf. Eskalation je nach klinischem Bild
- Bei nicht schwerer pCAP ist Antibiotika nicht immer notwendig
- Bei Zeichen einer viralen Ätiologie oder obstruktiver Symptomatik kann zunächst abgewartet werden
- Bei schwerer pCAP antibiotisch behandeln
- Therapiedauer bei unkomplizierter pCAP in der Regel 5 Tage
| Situation | Empfehlung | Dosierung | ED / Tag | Maximaldosis | Kommentar |
|---|---|---|---|---|---|
| Nicht schwere bakterielle pCAP | Amoxicillin p.o. | 50 mg/kgKG/Tag | 2–3 ED | 1,5 g/Tag | Dosisbereich 40–60 mg/kgKG/Tag |
| Schwere bakterielle pCAP | Amoxicillin p.o. | 90 mg/kgKG/Tag | 3 ED | Neugeborene: 3 g/Tag 1 Monat–18 Jahre: 6 g/Tag |
Bei sicher möglicher oraler Therapie |
| Schwere pCAP | Ampicillin i.v. | 100 mg/kgKG/Tag | 3–4 ED | lokal festlegen | NAK: Standard 3–4 ED möglich; hohe Dosierung 150 mg/kgKG/Tag in 3 ED |
| Penicillinallergie / gezielter Mykoplasmenverdacht | Clarithromycin p.o. | 15 mg/kgKG/Tag | 2 ED | 500 mg/Tag schwere Infektion: bis 1.000 mg/Tag |
Makrolide gezielt einsetzen |
| Ab 8 Jahren | Doxycyclin p.o. | Tag 1: 4 mg/kgKG/Tag ab Tag 2: 2 mg/kgKG/Tag |
1 ED | 200 mg/Tag | Bei Atemwegsinfektionen kann 4 mg/kgKG/Tag empfohlen sein |
| Lokale Komplikationen / Influenza- oder Masern-Superinfektion | Amoxicillin/Clavulansäure p.o. | Amoxicillin: 80–90 mg/kgKG/Tag | 3 ED | Amoxicillin: 6 g/Tag Clavulansäure: 375 mg/Tag |
Bei hoher Dosis bevorzugt 7:1-Formulierung; Cave Hepatotoxizität der Clavulansäure |
| Lokale Komplikationen | Ampicillin/Sulbactam i.v. | 100–150 mg/kgKG/Tag (Ampicillinanteil) | 3–4 ED | lokal festlegen | Standard 3 ED, hohe Dosierung 3–4 ED möglich |
| Parenterale Alternative | Cefuroxim i.v. | 100 mg/kgKG/Tag | 3 ED | 4,5 g/Tag | NAK hoch dosiert 150 mg/kgKG/Tag in 3 ED |
| Schwere pCAP mit Hinweis auf Mykoplasmen-/Chlamydieninfektion | Azithromycin p.o. | 10 mg/kg/Tag | 1 ED | 500 mg/Tag | Standard: 3 Tage; Alternative: Tag 1 = 10 mg/kg, Tag 2–5 = 5 mg/kg |
🧭 Klinischer Entscheidungsalgorithmus
Strukturierte Orientierung für die Erstbeurteilung, Versorgungsebene, Therapieeinleitung und Eskalation bei Verdacht auf ambulant erworbene Pneumonie.
- ambulante Versorgung möglich
- symptomatische Therapie
- Antibiotika nur bei passender Indikation
- klinische Kontrolle / Reevaluation
- stationäre Aufnahme
- O₂ bei Bedarf
- Labor/BGA je nach Situation
- Antibiotika, z. B. Aminopenicillin
- intensivmedizinische Überwachung
- HFNC / Atemhilfe / Beatmung prüfen
- Kreislaufstabilisierung
- rasche Eskalation
Atemnot, Thoraxschmerz, persistierendes Fieber, asymmetrischer Auskultationsbefund, Therapieversagen
Thoraxsonographie als Methode der Wahl, ggf. ergänzend Röntgen
diagnostisch bei relevanter Ergusskonstellation, therapeutisch bei größerem Erguss oder beeinträchtigter Ventilation
bei Empyem oder organisiertem Erguss je nach Verlauf und Befund
bei Persistenz / Progredienz VATS oder weitere kinderchirurgische Mitbeurteilung erwägen
- keine klinische Besserung nach 48–72 Stunden
- oder klinische Verschlechterung trotz Therapie
- dann Re-Evaluation mit Labor, Bildgebung und Komplikationssuche
- parapneumonischer Erguss
- Pleuraempyem
- nekrotisierende Pneumonie
- Lungenabszess, Atelektase, Sepsis
🏠 Entlasskriterien
- klinischer Besserung
- stabiler Sauerstoffsättigung > 90 % unter Raumluft, auch im Schlaf
- ausreichender Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme
- gesicherter häuslicher und medizinischer Betreuung
- Aufklärung der Betreuungspersonen über Alarmzeichen
- bei schwerer pCAP ambulante klinische Kontrolle nach 48–72 h erwägen
- bei kompliziertem Verlauf individuelle Nachsorge je nach Situation
🧮 Antibiotika-Rechner
Dieser Rechner unterstützt die überschlagsmäßige Berechnung gebräuchlicher Dosierungen. Er ersetzt keine ärztliche Verordnung.
Hinweis: Die empfohlene Zahl der Einzeldosen wird beim Medikament angezeigt. Die tatsächlich gewählte Aufteilung sollte zur Leitlinie, Darreichungsform, Verträglichkeit, klinischen Situation und lokalen SOP passen.
📚 Referenz
Kindernotfallrechner – Basiert auf SOP und S2k-Leitlinie pCAP (Kurzfassung der AWMF-Leitlinie pCAP, Stand 28.07.2025)
