Kindernotfallrechner – Ambulant erworbene Pneumonie (pCAP)

Ambulant erworbene Pneumonie (pCAP)

Akutmanagement im Kindernotfallzentrum – strukturierte Einschätzung, Schweregrad, Diagnostik, Therapie und Entlassung.

🫁 Für Ärztinnen und Ärzte
Wichtiger Hinweis: Dieser Rechner und die nachfolgenden Empfehlungen dienen als klinische Orientierung für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit ambulant erworbener Pneumonie. Sie ersetzen nicht die ärztliche Beurteilung im Einzelfall. Lokale Standards, Resistenzlage, Begleiterkrankungen, Impfstatus, Alter und klinischer Verlauf müssen immer berücksichtigt werden. Alle Dosierungen und therapeutischen Entscheidungen müssen vor Anwendung ärztlich geprüft werden.

⚠️ Red Flags

Sofort erhöhte Aufmerksamkeit bei:
  • Hypoxämie / SpO₂ ≤ 92 %
  • deutliche Tachypnoe oder Dyspnoe
  • Einziehungen, Nasenflügeln, Stöhnen
  • Vigilanzminderung
Auch relevant:
  • Trinkverweigerung / Dehydratation
  • septischer Eindruck
  • Apnoe
  • Alter < 6 Monate großzügig stationär prüfen
Besondere Risikogruppen:
  • Immundefekt
  • kardiologische Grunderkrankung
  • schwere neurologische Grunderkrankung
  • klinischer Verdacht auf Pleuraerguss / Empyem

🩺 Klinische Diagnose

Die pCAP wird primär klinisch diagnostiziert. Fieber plus Tachypnoe ist besonders richtungsweisend. Ein unauffälliger Auskultationsbefund schließt eine Pneumonie nicht aus.

Leitsymptome
  • Fieber oder Hypothermie
  • Tachypnoe
  • Dyspnoe
  • Husten
  • Nasenflügeln
  • Blässe oder Zyanose
  • ggf. Bauchschmerzen, Erbrechen, Trinkverweigerung
Typische Befunde
  • feinblasige inspiratorische Rasselgeräusche
  • abgeschwächtes Atemgeräusch
  • gedämpfter Klopfschall
  • Tachykardie
  • Dehydratation
  • bei Lobärpneumonie evtl. Bronchialatmen
Alter Tachypnoe-Grenze Klinischer Hinweis
< 1 Jahr > 50/min AF > 70/min spricht zusätzlich für schwere respiratorische Belastung
1–5 Jahre > 40/min Tachypnoe ist ein zentrales Pneumoniesymptom
> 5 Jahre > 20/min Thorakale Schmerzen und trockener Reizhusten können vorkommen

🚦 Schweregradeinteilung

Einteilung in nicht schwere, schwere und sehr schwere Pneumonie mit entsprechender Zuordnung zu ambulanter, stationärer oder intensivmedizinischer Versorgung.

🟢 Ambulant

Nicht schwere Pneumonie

  • SpO₂ > 90–92 % unter Raumluft
  • ausreichende Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme
  • orale Medikation möglich
  • gesicherte medizinische Versorgung
  • kompetente Betreuungspersonen
🟠 Stationär

Schwere Pneumonie

  • Hypoxämie mit O₂-Bedarf
  • ausgeprägte Tachypnoe / Dyspnoe
  • Nahrungsverweigerung oder Dehydratation
  • i.v.-Therapie notwendig
  • Bewusstseinsveränderung
🔴 Intensivmedizin

Sehr schwere Pneumonie

  • therapieresistente Hypoxämie
  • High-flow / Atemhilfe / Beatmung notwendig
  • respiratorische Globalinsuffizienz
  • Hypotonie / vasoaktive Therapie

🔬 Diagnostik

Ambulant
  • primär klinische Diagnostik
  • Pulsoxymetrie
  • Kontrolluntersuchung nach 24 Stunden sinnvoll
  • keine routinemäßige Blutentnahme oder Bildgebung bei nicht schwerer pCAP
Stationär / schwerer Verlauf
  • BGA
  • BB, CRP, Elektrolyte
  • Blutkultur bei schwerer oder komplizierter pCAP
  • gezielte Erregerdiagnostik nur bei Konsequenz für Therapie / Hygiene

Bildgebung

  • Thoraxröntgen nur bei schwerer Erkrankung, fehlender Besserung nach 48–72 h oder Verdacht auf Atelektase, Abszess, Pleuraempyem oder Tuberkulose
  • Thoraxsonographie besonders relevant bei Pleuraerguss / Pleuraempyem, zunehmend auch bei Infiltraten und Atelektasen
  • Bei Verdacht auf nekrotisierende Pneumonie oder Lungenabszess kann eine kontrastmittelgestützte CT erforderlich sein

💊 Therapie

Grundprinzipien
  • Schonung / Bettruhe
  • ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • Antipyrese bei Bedarf
  • bei Obstruktion ggf. Bronchodilatatoren, Inhalationstherapie und je nach lokalem Standard weitere symptomatische Maßnahmen
Sauerstofftherapie
  • SpO₂ ≤ 92 %: O₂-Gabe kann erwogen werden
  • SpO₂ ≤ 90 %: O₂-Gabe ist indiziert
  • bei schwerer Atemarbeit oder Erschöpfung ggf. Eskalation je nach klinischem Bild
Antibiotische Grundsätze
  • Bei nicht schwerer pCAP ist Antibiotika nicht immer notwendig
  • Bei Zeichen einer viralen Ätiologie oder obstruktiver Symptomatik kann zunächst abgewartet werden
  • Bei schwerer pCAP antibiotisch behandeln
  • Therapiedauer bei unkomplizierter pCAP in der Regel 5 Tage
Situation Empfehlung Dosierung ED / Tag Maximaldosis Kommentar
Nicht schwere bakterielle pCAP Amoxicillin p.o. 50 mg/kgKG/Tag 2–3 ED 1,5 g/Tag Dosisbereich 40–60 mg/kgKG/Tag
Schwere bakterielle pCAP Amoxicillin p.o. 90 mg/kgKG/Tag 3 ED Neugeborene: 3 g/Tag
1 Monat–18 Jahre: 6 g/Tag
Bei sicher möglicher oraler Therapie
Schwere pCAP Ampicillin i.v. 100 mg/kgKG/Tag 3–4 ED lokal festlegen NAK: Standard 3–4 ED möglich; hohe Dosierung 150 mg/kgKG/Tag in 3 ED
Penicillinallergie / gezielter Mykoplasmenverdacht Clarithromycin p.o. 15 mg/kgKG/Tag 2 ED 500 mg/Tag
schwere Infektion: bis 1.000 mg/Tag
Makrolide gezielt einsetzen
Ab 8 Jahren Doxycyclin p.o. Tag 1: 4 mg/kgKG/Tag
ab Tag 2: 2 mg/kgKG/Tag
1 ED 200 mg/Tag Bei Atemwegsinfektionen kann 4 mg/kgKG/Tag empfohlen sein
Lokale Komplikationen / Influenza- oder Masern-Superinfektion Amoxicillin/Clavulansäure p.o. Amoxicillin: 80–90 mg/kgKG/Tag 3 ED Amoxicillin: 6 g/Tag
Clavulansäure: 375 mg/Tag
Bei hoher Dosis bevorzugt 7:1-Formulierung; Cave Hepatotoxizität der Clavulansäure
Lokale Komplikationen Ampicillin/Sulbactam i.v. 100–150 mg/kgKG/Tag (Ampicillinanteil) 3–4 ED lokal festlegen Standard 3 ED, hohe Dosierung 3–4 ED möglich
Parenterale Alternative Cefuroxim i.v. 100 mg/kgKG/Tag 3 ED 4,5 g/Tag NAK hoch dosiert 150 mg/kgKG/Tag in 3 ED
Schwere pCAP mit Hinweis auf Mykoplasmen-/Chlamydieninfektion Azithromycin p.o. 10 mg/kg/Tag 1 ED 500 mg/Tag Standard: 3 Tage; Alternative: Tag 1 = 10 mg/kg, Tag 2–5 = 5 mg/kg

🧭 Klinischer Entscheidungsalgorithmus

Strukturierte Orientierung für die Erstbeurteilung, Versorgungsebene, Therapieeinleitung und Eskalation bei Verdacht auf ambulant erworbene Pneumonie.

🫁
Verdacht auf pCAP
klinische Einschätzung, Anamnese, Untersuchung, Pulsoxymetrie
🩺
ABCDE + SpO₂
Red Flags erkennen, Atemarbeit, Vigilanz, Kreislauf, Trinkfähigkeit und Grunderkrankungen beurteilen
🚦
Schweregrad festlegen
nicht schwer – schwer – sehr schwer
🟢 Nicht schwer
  • ambulante Versorgung möglich
  • symptomatische Therapie
  • Antibiotika nur bei passender Indikation
  • klinische Kontrolle / Reevaluation
🟠 Schwer
  • stationäre Aufnahme
  • O₂ bei Bedarf
  • Labor/BGA je nach Situation
  • Antibiotika, z. B. Aminopenicillin
🔴 Sehr schwer
  • intensivmedizinische Überwachung
  • HFNC / Atemhilfe / Beatmung prüfen
  • Kreislaufstabilisierung
  • rasche Eskalation
💊
Therapie beginnen
symptomatisch, Sauerstoff je nach SpO₂, antiinfektive Therapie je nach Schweregrad und Verdachtslage
⏱️
Reevaluation
ambulant nach 24 h sinnvoll, bei fehlender Besserung nach 48–72 h an Therapieversagen denken
🧨
Keine Besserung / Verschlechterung?
Komplikationen suchen: Pleuraerguss, Empyem, nekrotisierende Pneumonie, Abszess, Atelektase, Sepsis
🩻
Mini-Algorithmus bei Verdacht auf Pleuraerguss / Pleuraempyem
Kompakte Eskalationshilfe für den klinischen Alltag
1
Klinischer Verdacht
Atemnot, Thoraxschmerz, persistierendes Fieber, asymmetrischer Auskultationsbefund, Therapieversagen
2
Bildgebung
Thoraxsonographie als Methode der Wahl, ggf. ergänzend Röntgen
3
Punktion erwägen
diagnostisch bei relevanter Ergusskonstellation, therapeutisch bei größerem Erguss oder beeinträchtigter Ventilation
4
Drainage ± Fibrinolyse
bei Empyem oder organisiertem Erguss je nach Verlauf und Befund
5
Weitere Eskalation
bei Persistenz / Progredienz VATS oder weitere kinderchirurgische Mitbeurteilung erwägen
Therapieversagen
  • keine klinische Besserung nach 48–72 Stunden
  • oder klinische Verschlechterung trotz Therapie
  • dann Re-Evaluation mit Labor, Bildgebung und Komplikationssuche
Häufige Komplikationen
  • parapneumonischer Erguss
  • Pleuraempyem
  • nekrotisierende Pneumonie
  • Lungenabszess, Atelektase, Sepsis

🏠 Entlasskriterien

Entlassung möglich bei:
  • klinischer Besserung
  • stabiler Sauerstoffsättigung > 90 % unter Raumluft, auch im Schlaf
  • ausreichender Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme
  • gesicherter häuslicher und medizinischer Betreuung
Vor Entlassung beachten:
  • Aufklärung der Betreuungspersonen über Alarmzeichen
  • bei schwerer pCAP ambulante klinische Kontrolle nach 48–72 h erwägen
  • bei kompliziertem Verlauf individuelle Nachsorge je nach Situation

🧮 Antibiotika-Rechner

Dieser Rechner unterstützt die überschlagsmäßige Berechnung gebräuchlicher Dosierungen. Er ersetzt keine ärztliche Verordnung.

Hinweis: Die empfohlene Zahl der Einzeldosen wird beim Medikament angezeigt. Die tatsächlich gewählte Aufteilung sollte zur Leitlinie, Darreichungsform, Verträglichkeit, klinischen Situation und lokalen SOP passen.

📚 Referenz

Kindernotfallrechner – Basiert auf SOP und S2k-Leitlinie pCAP (Kurzfassung der AWMF-Leitlinie pCAP, Stand 28.07.2025)

Ambulant erworbene Pneumonie (pCAP)