Pädiatrische Notfall-App

Akutes Abdomen im Kindesalter

Überarbeitete Web-Struktur mit Red-Flag-Zeichen, chirurgischen Notfällen, altersabhängigen Differenzialdiagnosen, klinischer Einordnung, Untersuchung, Bildgebung, Erstmaßnahmen und ergänzenden Differenzialdiagnosen.

Red Flags Kinderchirurgie Altersgruppen Ultraschall Reevaluation

Schnellübersicht

  • Galliges Erbrechen = Obstruktion bis zum Beweis des Gegenteils
  • Plötzlicher stärkster Schmerz = Ischämie oder Torsion sofort ausschließen
  • Abwehrspannung = Peritonitis, auch ohne Fieber ernst nehmen
  • Bei jedem Jungen Hoden untersuchen
  • Bei jugendlichem Mädchen immer auch Schwangerschaft und Ovarialtorsion mitdenken
  • Ultraschall ist die initiale Bildgebung der Wahl
  • Bei Inkarzeration, akutem Skrotum oder eindeutiger Klinik OP nicht verzögern
  • Unklarer Verlauf erfordert Reevaluation statt vorschneller Entwarnung
Wichtiger Hinweis: Dieser klinische Entscheidungsalgorithmus dient als strukturierte Hilfe. Bei Schock, Peritonitis, galligem Erbrechen, Blut im Stuhl, signifikanter Distension, akuten genitalen Befunden oder rascher Verschlechterung ist die notfallmäßige kinderchirurgische beziehungsweise interdisziplinäre Eskalation erforderlich.
Sofort

1. Ersteinschätzung

Die erste Entscheidung lautet nicht Diagnose oder Nicht-Diagnose, sondern stabil oder instabil, red flags ja oder nein, sofort operativ gefährdet oder nicht.

Allgemeinzustand und Vitalparameter

Aktion: Allgemeinzustand, Bewusstseinslage, Hydratation, Kreislauf und Schmerzintensität unmittelbar beurteilen.

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Ein schlechtes Allgemeinbefinden mit Blässe, Hypothermie oder Fieber, Tachykardie, Tachypnoe, Hypotonie, Oligurie oder Verwirrtheit spricht für ein potenziell lebensbedrohliches Geschehen. Das akute Abdomen ist eine klinische Diagnose; die frühe Triage entscheidet über Geschwindigkeit und Intensität der weiteren Versorgung.

ABCDE-orientiertes Vorgehen

Aktion: Instabile Kinder zuerst sichern, überwachen und parallel diagnostisch einordnen.

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Bei Schock, Sepsis, massiver Blutung oder schwerer Obstruktion steht die Stabilisierung im Vordergrund. Venöser Zugang, Monitoring, Volumentherapie und rasche chirurgische Mitbeurteilung sind dann wichtiger als eine vollständige formale Differenzialdiagnose.

Frühe chirurgische Eskalation

Aktion: Bei galligem Erbrechen, Peritonitiszeichen, stärkstem Schmerz, Blut im Stuhl, signifikanter Distension oder Trauma sofort kinderchirurgisch vorstellen.

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Bildgebung darf eine notwendige Operation nicht verzögern, wenn die klinische Symptomatik bereits eindeutig auf eine notfallmäßige chirurgische Ursache hinweist.

Warnzeichen

2. Red-Flag-Zeichen

Diese Zeichen machen aus Bauchschmerzen eine zeitkritische Konstellation. Das Segment ist bewusst rot hervorgehoben.

Notfallrelevant

Galliges oder fäkulentes Erbrechen

Aktion: Immer als Warnsignal für Ileus oder hochgradige Obstruktion werten und die kinderchirurgische Abklärung nicht verzögern.

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Galliges Erbrechen ist beim akuten Abdomen ein zentrales Alarmsignal. Besonders beim Neugeborenen und Säugling muss bis zum Beweis des Gegenteils an einen Volvulus bei Malrotation gedacht werden. Auch bei weiter distal gelegener Obstruktion kann zunächst Übelkeit im Vordergrund stehen, bevor später galliges oder sogar kotiges Erbrechen auftritt.

Notfallrelevant

Plötzlicher stärkster Schmerz

Aktion: An Ischämie oder Torsion denken und zeitkritische Ursachen sofort ausschließen.

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Ein abrupt einsetzender Vernichtungsschmerz spricht besonders für ein Ischämieereignis oder eine Torsion. Dazu passen vegetative Begleitsymptome wie Blässe, Kaltschweißigkeit, Erbrechen, Angst und starker Bewegungsdrang. Wichtige Differenzialdiagnosen sind Volvulus, Invagination, Ovarialtorsion und Hodentorsion.

Notfallrelevant

Abwehrspannung / Peritonitiszeichen

Aktion: Immer als Ausdruck eines fortgeschrittenen intraabdominellen Prozesses behandeln.

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Eine Abwehrspannung spricht für Peritonitis. Bei Säuglingen, hypotrophen oder neurologisch beeinträchtigten Kindern kann sie jedoch schwach ausgeprägt sein. Fehlende Abwehrspannung schließt deshalb ein akutes Abdomen nicht sicher aus. Ruhiges Liegen mit angezogenen Beinen, flache Atmung und Schmerzverstärkung bei Bewegung passen zusätzlich zu einer peritonealen Reizung.

Notfallrelevant

Blutiger Stuhl

Aktion: Ischämie, Invagination oder schwere Entzündung abklären.

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Frisch- oder altblutiger Stuhl ist ein Warnzeichen. Ein himbeergeleeartiger Stuhl ist besonders typisch für eine fortgeschrittene Invagination. Blutiger Stuhl kann aber auch im Rahmen einer Ischämie oder anderer schwerer Darmprozesse auftreten.

Notfallrelevant

Stuhlverhalt, kein Flatus, abdominale Distension

Aktion: An mechanischen Ileus oder andere Passagestörung denken.

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Ein aufgeblähtes Abdomen mit fehlendem Stuhl- und Windabgang, rezidivierendem Erbrechen, sichtbaren Darmschlingen oder vermehrten Darmgeräuschen spricht für eine Obstruktion. Zusätzlich müssen frühere Laparotomien, Leistenbefunde und Genitalschwellungen aktiv gesucht werden.

Notfallrelevant

Reduzierter Allgemeinzustand oder Schockzeichen

Aktion: Sofort überwachen, stabilisieren und notfallmäßig eskalieren.

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Tachykardie, arterielle Hypotonie, verlängerte Rekapillarisierungszeit, kühle Extremitäten, Oligurie, Verwirrtheit oder Vigilanzminderung sind Zeichen einer schweren Infektion, Blutung oder eines Schocks. Bei Kindern ist Tachykardie oft das erste Kreislaufwarnzeichen, Hypotonie eher ein spätes Zeichen.

Notfallrelevant

Abdominale Prellmarke / relevantes Trauma

Aktion: An intraabdominelle Blutung oder Organverletzung denken.

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Eine abdominale Prellmarke mit Tachykardie, Hypotonie oder zunehmendem Schmerz spricht für ein stumpfes Bauchtrauma mit Blutung oder Organverletzung. In diesem Zusammenhang muss auch an nicht-akzidentelle Verletzungen gedacht werden.

Zeitkritisch

3. Sofortige chirurgische Notfälle

Hier drohen Organverlust, Ischämie, Perforation oder schnelle Kreislaufdekompensation.

Volvulus bei Malrotation

Aktion: Bei Neugeborenem oder Säugling mit galligem Erbrechen sofort kinderchirurgisch handeln.

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Der Volvulus gehört zu den wichtigsten kinderchirurgischen Notfällen. In bis zu 90 Prozent der Fälle tritt er im ersten Lebensjahr auf. Typisch sind galliges Erbrechen, schwerer epigastrischer oder generalisierter Schmerz, reduzierter Allgemeinzustand und rasche Dekompensation. Bildgebung kann hilfreich sein, darf die operative Versorgung bei hochgradigem Verdacht aber nicht unnötig verzögern.

Invagination

Aktion: Bei Säugling oder Kleinkind mit kolikartigen Attacken, blassem Aussehen und angezogenen Beinen sofort sonographisch abklären.

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Die Invagination betrifft besonders Säuglinge zwischen 6 und 12 Monaten sowie Kleinkinder bis zum zweiten Lebensjahr. Typisch sind plötzlich einsetzende Schreiattacken, Anziehen der Beine, blass-fahles oder schockiertes Aussehen und symptomfreie Intervalle. Blutiger Stuhl ist meist ein Spätzeichen. Die Sonographie ist die Methode der Wahl; die Desinvagination kann sonographisch oder radiologisch gesteuert erfolgen.

Inkarzerierte Hernie / komplette Obstruktion

Aktion: Leisten und äußere Genitale immer inspizieren und palpieren; bei harter nicht reponibler Schwellung sofort überweisen.

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Eine inkarzerierte Leistenhernie ist gerade im Neugeborenen- und Kleinkindalter wichtig. Schmerzen, Erbrechen und eine harte nicht reponible Leisten- oder Skrotalschwellung sind alarmierend. Kleine Hernien können leicht übersehen werden, besonders bei adipösen Kindern. Bei Verdacht auf Inkarzeration darf eine Operation nicht verzögert werden.

Ovarialtorsion

Aktion: Bei Mädchen mit abruptem stärkstem Unterbauchschmerz umgehend gynäkologisch oder kinderchirurgisch vorstellen.

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Die Ovarialtorsion ist eine Zeitdiagnose des Jugendalters, kann aber auch bei symptomatischer Ovarialzyste oder Ovarialtumor, besonders Teratom, auftreten. Die Patientinnen können oft den genauen Schmerzbeginn benennen. Sonographisch sollte mit gefüllter Harnblase untersucht werden; ein unklarer Ultraschall darf die operative Entscheidung nicht unangemessen verzögern.

Hodentorsion / akutes Skrotum

Aktion: Bei jedem Jungen mit Bauchschmerzen die Hoden untersuchen.

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Die Hodentorsion kann ein akutes Abdomen imitieren. Übelkeit, Erbrechen und Schonhaltung können im Vordergrund stehen. Auch Epididymitis und stielgedrehte Hydatide gehören zur Differenzialdiagnose. Die Bildgebung erfolgt mittels Ultraschall und Farbdoppler, bei starkem Verdacht darf die Operation jedoch nicht verzögert werden.

Komplizierte Appendizitis / Perforation

Aktion: Bei lokalisierendem Schmerz, Abwehrspannung, Fieber oder tastbarem Konglomerat unverzüglich kinderchirurgisch abklären.

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Die Appendizitis ist die häufigste Operationsindikation im Kindesalter. Typisch sind periumbilikaler Beginn, spätere Migration in den rechten Unterbauch und lokaler Druckschmerz. Bei kleineren Kindern ist die Perforationsrate hoch und die Symptomatik oft unspezifisch. Sonographie und Entzündungswerte unterstützen die Diagnose, ersetzen aber die klinische Beurteilung nicht.

Ektope Schwangerschaft

Aktion: Bei postmenarchalem Mädchen mit akutem Unterbauchschmerz immer mitdenken.

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Die ektope Schwangerschaft gehört zu den zeitkritischen gynäkologischen Differenzialdiagnosen im Jugendalter. Deshalb sind Schwangerschaftstest und gynäkologische Mitbeurteilung bei entsprechender Klinik obligat.

Vollständig nach Quellen zusammengeführt

4. Altersabhängige Differenzialdiagnosen

Die Diagnosen wurden aus den Tabellen und altersbezogenen Übersichten der hochgeladenen PDFs zusammengeführt und klinisch sinnvoll verdichtet.

Neugeborene und Säuglinge

Hier dominieren angeborene Fehlbildungen, Obstruktion und frühe neonatale Notfälle.

Nekrotisierende Enterokolitis
Spontane Perforation
Morbus Hirschsprung
Mekoniumileus
Intestinale Atresie/Stenose
Peritonitis bei Gastroschisis oder rupturierter Omphalozele
Invagination
Volvulus
Inkarzerierte Hernie
Obstipation
Gastroenteritis
Harnwegsinfekt
Säuglingskoliken
Aerophagie
Hypertrophe Pylorusstenose
Anal- oder Rektumatresie
Fremdkörperingestion
Meckel-Divertikel
Trauma
Tumor
Klinischer Hinweis

Beim Neugeborenen müssen biliges Erbrechen, fehlender Mekoniumabgang, sichtbare Peristaltik, stark geblähtes Abdomen oder Pneumoperitoneum sofort ernst genommen werden. Zusätzlich kann die hypertrophe Pylorusstenose im Säuglingsalter mit progredientem nicht-galligem projektilartigem Erbrechen, Dehydratation und tastbarer Olivenformation imponieren.

2–5 Jahre

In dieser Gruppe überlappen infektiöse, funktionelle und chirurgische Ursachen besonders häufig.

Akute Gastroenteritis
Tonsillopharyngitis
Harnwegsinfekt
Lymphadenitis mesenterialis
Purpura Schönlein-Henoch
Obstipation
Invagination
Volvulus
Diabetes mellitus / Ketoazidose
Appendizitis
Leistenhernie
Fremdkörperingestion
Trauma
Meckel-Divertikel
Tumor
Hodentorsion, Epididymitis oder stielgedrehte Hydatide
Klinischer Hinweis

Gerade im Vorschulalter kann eine Appendizitis eine Gastroenteritis vortäuschen. Erbrechen oder Durchfall schließen sie nicht aus. Die Lymphadenitis mesenterialis ist eine wichtige Differenzialdiagnose, darf aber nur angenommen werden, wenn zusätzlich eine normale Appendix nachgewiesen ist.

6–11 Jahre

Appendizitis, infektiöse Ursachen und extraabdominale Differenzialdiagnosen treten hier in den Vordergrund.

Gastroenteritis
Appendizitis
Obstipation
Funktionelle Bauchschmerzen
Harnwegsinfekt
Trauma
Tonsillopharyngitis
Pneumonie
Purpura Schönlein-Henoch
Lymphadenitis mesenterialis
Diabetes mellitus / Ketoazidose
Meckel-Divertikel
Perforiertes Ulkus
Primäre bakterielle Peritonitis
Urolithiasis
Klinischer Hinweis

Im Schulalter muss die Diagnostik bei akutem Abdomen zunächst stark auf den Ausschluss einer Appendizitis ausgerichtet sein. Gleichzeitig gehören Harnuntersuchung, Thoraxbeurteilung sowie Untersuchung der Leisten- und Genitalregion dazu, weil Pneumonie, Harnwegsinfekt oder Hodentorsion ein ähnliches Beschwerdebild auslösen können.

12–18 Jahre

Im Jugendalter erweitern sich die Differenzialdiagnosen um gynäkologische und hepatopankreatobiliäre Ursachen.

Appendizitis
Gastroenteritis
Obstipation
Dysmenorrhö
Mittelschmerz
Entzündungen im kleinen Becken
Ektope Schwangerschaft
Ovarialtorsion
Hodentorsion
Diabetes mellitus / Ketoazidose
Symptomatische Ovarialzyste
Ovarielle Tumoren, besonders Teratom
Pankreatitis
Cholezystitis / Cholezystolithiasis
Harnwegsinfekt
Urolithiasis
Trauma
Klinischer Hinweis

Bei Jugendlichen müssen Menstruation, mögliche Schwangerschaft, akutes Skrotum und hepatobiliäre Ursachen systematisch erfasst werden. Akuter rechter Oberbauchschmerz mit Ausstrahlung in die rechte Skapula spricht eher für biliäre Ursachen, epigastrischer Schmerz mit Ausstrahlung in den Rücken eher für Pankreatitis.

Leitsymptom

5. Schmerzcharakter und klinische Einordnung

Der Schmerzcharakter lenkt die Diagnostik. Verlauf, Lokalisation und Begleitsymptome sind oft entscheidender als ein einzelner Laborwert.

Viszeraler Schmerz / Kolik

Aktion: Bei dumpfem, diffusen, krampfartigen, schlecht lokalisierbaren Schmerzen an Obstruktion oder Hohlorganprozess denken.

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Viszerale Schmerzen sind häufig periumbilikal und intermittierend. Typische Konstellationen sind Invagination, Ileus, Darmkoliken, Ureterkolik oder andere Passagestörungen. Kinder wirken dann oft unruhig und wechseln ihre Position häufig.

Somatischer Schmerz / Peritonealreizung

Aktion: Bei lokalisiertem stechendem Schmerz mit Schonhaltung und Bewegungsvermeidung an Peritonitis oder fortgeschrittene Entzündung denken.

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Somatischer Schmerz spricht für Reizung des parietalen Peritoneums. Die Kinder liegen eher still, atmen flach und haben Schmerzen bei Bewegung, Husten oder Erschütterung. Diese Konstellation passt zu Appendizitis, Perforation und Peritonitis.

Appendizitis-typischer Verlauf

Aktion: Bei zunächst periumbilikalem oder epigastrischem Schmerz mit späterer Migration in den rechten Unterbauch Appendizitis gezielt prüfen.

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Rechter Unterbauchschmerz, Bauchdeckenabwehr und Schmerzverlagerung sind die prädiktivsten klinischen Merkmale. Zusätzliche Symptome wie Fieber, Erbrechen oder Appetitlosigkeit unterstützen die Diagnose, sind aber einzeln weder hochsensitiv noch hochspezifisch.

Rechter Oberbauch / epigastrischer Schmerz

Aktion: Hepatobiliäre Ursachen und Pankreatitis differenzieren.

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Schmerz im rechten Oberbauch mit Ausstrahlung in die rechte Schulter oder Skapula spricht eher für biliäre Erkrankungen. Epigastrischer, gürtelförmiger oder in den Rücken ausstrahlender Schmerz passt zu Pankreatitis. Übelkeit und Erbrechen sind häufige Begleitsymptome.

Infektiös oder funktionell wirkender Verlauf

Aktion: Auch bei scheinbar viralem Verlauf den Schmerz im Verlauf reevaluieren, besonders wenn er progredient wird oder sich lokalisiert.

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Gastroenteritis, Tonsillopharyngitis, virale Syndrome und funktionelle Bauchschmerzen sind häufig. Ohne Diarrhö und bei zunehmender Schmerzlokalisation sollte die Diagnose Gastroenteritis jedoch zurückhaltend gestellt werden. Funktionelle Beschwerden sind Ausschlussdiagnosen.

Pflichtprogramm

6. Klinische Untersuchung

Nicht nur das Abdomen untersuchen. Gerade im Kindesalter können Thorax, Leiste, Genitale oder Harnwege die eigentliche Ursache sein.

Inspektion, Haltung und Verhalten

Aktion: Schonhaltung, angezogene Beine, flache Atmung, Lagewechsel, Unruhe, Fahrigkeit oder blass-fahles Hautkolorit aktiv bewerten.

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Kinder mit Peritonitis liegen oft still in Seitenlage mit angezogenen Beinen. Kinder mit Ischämie, Torsion oder Kolik sind eher unruhig, fahrig und wechseln häufig die Position. Diese Beobachtung liefert oft schon vor der Palpation wichtige Hinweise.

Abdomen, Leisten und äußere Genitale

Aktion: Palpation des gesamten Abdomens sowie Inspektion und Palpation der Leisten- und Genitalregion immer durchführen.

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Nicht selten liegt die Schmerzursache in einer Leistenhernie, einem akuten Skrotum oder einer gynäkologischen Pathologie. Bei Jungen gehört die Hodenuntersuchung zwingend zur Bauchschmerzabklärung. Bei peripubertären Mädchen müssen gynäkologische Ursachen mitgedacht werden.

Thorax und extraabdominale Ursachen

Aktion: Basale Lunge, Pleuraspalt und Herzumgebung mitbeurteilen; klinisch auch an Otitis, Pharyngitis oder Pneumonie denken.

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Extraabdominale Ursachen können das Bild eines akuten Abdomens vortäuschen. Dazu gehören basale Pneumonie, Pleuritis, Otitis media, Harnwegsinfekt, diabetische Ketoazidose und andere systemische Erkrankungen.

Gezielt und stufenweise

7. Labor und Bildgebung

Die Bildgebung ergänzt die klinische Entscheidung. Methode der Wahl ist der Ultraschall. Weitere Verfahren werden gezielt ergänzt.

Basislabor

Aktion: BB, CRP, Elektrolyte, Harnstoff, Kreatinin, Leberwerte, Bilirubin, Lipase/Amylase, BGA mit Laktat, Harnstatus und je nach Alter Schwangerschaftstest anfordern.

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Laborwerte helfen bei der Einordnung von Entzündung, Schock, Organfunktion und differenzialdiagnostischen Alternativen. Es gibt jedoch keinen Laborwert, der allein die Operationspflichtigkeit anzeigt. Klinischer Verlauf und Untersuchung bleiben zentral.

Ultraschall als Methode der Wahl

Aktion: Primär abdominalen und retroperitonealen Ultraschall einsetzen; basale Lunge, Pleuraspalt und Perikard mitbeurteilen.

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Der Ultraschall ist besonders geeignet für Appendizitis, Invagination, freie Flüssigkeit, Cholezystitis, Pankreatitis, Ovarialtorsion, Harnwegserkrankungen, Trauma und viele weitere Ursachen. Aussagekraft und Visualisierungsrate hängen jedoch von Erfahrung, Patient und Darmgasüberlagerung ab.

Röntgen und Durchleuchtung selektiv

Aktion: Bei Perforation oder Ileus Röntgen ergänzen; Linksseitenlage mit horizontalem Strahlengang ist für freie Luft besonders hilfreich.

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Bei Perforation oder Ileus sind Ultraschall und Röntgen komplementär. Bei Volvulus kann die Abdomenübersicht trotz gefährlicher Klinik unauffällig sein; bei entsprechender Konstellation kann eine obere Magen-Darm-Passage erforderlich sein.

CT oder MRT nur als Problemlöser

Aktion: Weiterführende Bildgebung individuell entscheiden; wenn möglich MRT statt CT bevorzugen.

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Die CT sollte nur in Einzelfällen als Problemlöser und mit dosisreduzierten Protokollen eingesetzt werden. Wichtiger als jede Schnittbildgebung ist jedoch, eine notfallmäßige Operation nicht zu verzögern, wenn die Klinik eindeutig ist.

Diagnosespezifische Bildgebung

Aktion: Appendizitis: US; Invagination: US und sonographisch gesteuerte Desinvagination; Volvulus: US mit Farbdoppler plus Abdomenaufnahme, ggf. MDP; Ovarialtorsion: US mit gefüllter Harnblase; akutes Skrotum: US plus FKDS.

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Bei Verdacht auf Inkarzeration oder akutes Skrotum darf die Operation trotz Bildgebung nicht verzögert werden. Bei chronischer Obstipation ist US initial sinnvoll; bei Verdacht auf Morbus Hirschsprung kann ein Kolon-Kontrasteinlauf zur Vordiagnostik gehören.

Sofort umsetzbar

8. Erstmaßnahmen und Therapie

Parallel zur Diagnostik müssen Schmerz, Kreislauf und Aspirationsrisiko behandelt werden.

Frühe Analgesie

Aktion: Starke Schmerzen frühzeitig mit Opioiden behandeln; leichtere Schmerzen mit Paracetamol oder Ibuprofen.

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Eine frühe Schmerztherapie ist sicher und verschlechtert klinische sowie sonographische Diagnostik nicht entscheidend. Sie verbessert vielmehr die Untersuchbarkeit.

Hydrierung und Kreislaufstabilisierung

Aktion: Venösen Zugang, Monitoring und Volumentherapie früh etablieren.

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Dehydratation, Elektrolytverschiebung und Schock sind beim akuten Abdomen häufige Begleitprobleme. Dies gilt besonders bei Ileus, Gastroenteritis, Pylorusstenose, Sepsis, Perforation oder Blutung. Bei Säuglingen und Kleinkindern muss ein Volumenmangel früh erkannt werden.

Antibiotika bei Infektion, Peritonitis oder Sepsis

Aktion: Bei Verdacht auf bakterielle intraabdominelle Infektion frühzeitig kalkulierte Therapie beginnen.

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Perforierte Appendizitis, Peritonitis, intraabdominelle Infektion oder septische Verläufe erfordern eine schnelle antiinfektive Therapie parallel zur chirurgischen Planung.

Magensonde und Entlastung

Aktion: Bei Ileus, massivem Erbrechen oder Aspirationsgefahr an Magensonde denken.

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Die Magensonde dient der Entlastung und dem Aspirationsschutz. Bei Obstruktion oder schwerkranken Kindern ist sie oft Teil der initialen Akuttherapie.

Reevaluation oder stationäre Beobachtung

Aktion: Bei unklarem Verlauf wiederholt klinisch untersuchen und niedrigschwellig stationär beobachten.

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Appendizitis, frühe Obstruktion und andere Krankheitsbilder können anfangs unspezifisch sein. Wiederholte Untersuchung, Verlaufskontrolle und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind dann entscheidend.

Ergänzend wichtig

9. Besondere Differenzialdiagnosen

Diese Diagnosen müssen bei atypischen Verläufen oder passender Konstellation ergänzend mitgedacht werden.

PIMS-TS / MIS-C

Aktion: Bei passender Vorgeschichte und Entzündungskonstellation mitdenken.

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PIMS kann mit rechter Unterbauchbetonung, Abwehrspannung, Darmwandverdickung, mesenterialer Lymphadenitis und freier Flüssigkeit wie ein akutes Abdomen imponieren. Die Operationsindikation muss dann besonders sorgfältig geprüft werden.

Mesenteriale Lymphadenitis

Aktion: Nur diagnostizieren, wenn eine normale Appendix nachgewiesen wurde.

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Die mesenteriale Lymphadenitis ist eine wichtige Differenzialdiagnose der Appendizitis, besonders bei Kindern. Sonographisch finden sich vergrößerte mesenteriale Lymphknoten. Ohne Nachweis einer normalen Appendix ist die Diagnose unsicher.

Morbus Hirschsprung / chronische Obstipation mit Alarmzeichen

Aktion: Bei verzögertem Mekoniumabgang, distendiertem Abdomen und Ileuszeichen gezielt abklären.

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Mehrere Quellen betonen die neonatale Bedeutung von Morbus Hirschsprung, Analatresie und anderen Fehlbildungen. Diese Diagnosen müssen im Algorithmus sichtbar vertreten sein, auch wenn sie im Alltag seltener sind als Appendizitis oder Gastroenteritis.

Hypertrophe Pylorusstenose

Aktion: Bei Säugling mit progredientem nicht-galligem projektilartigem Erbrechen und Dehydratation sonographisch abklären.

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Die Pylorusstenose gehört streng genommen nicht zu den typischen Unterbauchschmerzursachen, ist aber in kinderchirurgischen Übersichten zu akuten Bauchbeschwerden des Säuglingsalters zentral. Typisch sind zunehmendes Erbrechen, Gewichtsverlust, Lethargie und gelegentlich die tastbare Olive.

Akutes Abdomen im Kindesalter